Von Zeit zu Zeit wird die Entwicklung im kontinuierlichen Werk des Künstlers deutlich. Dann ist der Zeitpunkt für neue Publikationen oder Texte aus berufenem Mund gegeben.

Katalog

VOGELFLUG • 2017

Vogelflug (Katalogbuch)Dieser Katalog erscheint zur Ausstellung im Kunstraum Hopfgarten (29.6. bis 13.8.2017).

Der Schwerpunkt der Abbildungen liegt auf dem Thema Flugbild.

17 x 24 cm, Softcover, 44 Seiten. Auflage verfügbar, signierte Exemplare auf Anfrage.
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Katalogbuch

PARADIES 2.0 • 2015

PARADIES 2.0 (Katalogbuch)Dieser Werkkatalog begleitet eine Ausstellung im Kunstverein Bad Dürkheim/D (Mai 2015).

Zahlreiche Werkabbildungen und Texte der letzten Jahre mit einem Ausblick auf die 2015 begonnene Skulpturenserie.

17 x 24 cm, Softcover, 196 Seiten. Auflage verfügbar, signierte Exemplare auf Anfrage.
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Broschüre

DER BLICK VON OBEN • 2013

BLICK VON OBEN (Katalog)Ausgewählte Arbeiten der Jahre 2011 bis 2013, thematisch bezogen auf Flugbilder und Themenserie "driften".

Bildserien zeigen die Entwicklung einzelner Werke, teilweise mit Kommentaren des Künstlers versehen.

21 x 29 cm, Broschüre, 32 Seiten, geheftet. Auflage verfügbar, signierte Exemplare auf Anfrage.
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Katalog im Kleinformat

CO2LLAPSE • 2012

CO2LLAPSE (Katalog Kleinformat)In dieser Publikation werden aktuelle Arbeiten medienorientiert aus einem anderen Blickwinkel gezeigt.

Zahlreiche, auch doppelseitige Bildausschnitte, digitale Neuinterpretationen auf Basis gemalter Werke, kurze Kommentare des Künstlers.

15 x 21 cm, Broschüre, 96 Seiten, Klebebinddung. Auflage verfügbar, signierte Exemplare auf Anfrage.
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Katalog (Serie xion.dialog)

DRIFTEN • 2011

DRIFTEN (Katalog xion.dialog)Teil der Katalogserie xion.dialog (Schuber mit 6 Künstlern)

Verschiedene Texte, u.a. Ulrich Horstmann: "Die Segnungen des Erkaltens", Ausstellungsverzeichnis.

20 x 26 cm, Broschüre, 48 Seiten, Kern geheftet. Wenige Restexemplare verfügbar, signierte Exemplare auf Anfrage.
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Buch

EINSEHEN • 2005

EINSEHEN (Buch)Umfassende Publikation in Themenbereiche gegliedert. (Museale Simulation / Rodenstock / Uliseidank / Digital gelöst / Gezieltes Wachstum / u.a.)

Gestaltung und Herausgabe durch den Künstler.

20 x 26 cm, Buch, 128 Seiten, gebunden. Wenige Restexemplare verfügbar, signierte Exemplare auf Anfrage.
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Broschüre

DIE SEELE AUS DER HAND LASSEN • 2003

DIE SEELE AUS DER HAND LASSEN Arbeiten von außergewöhnlicher Sensiblilität in der Darstellung des Blicks auf eine imaginierte Welt, kommentiert durch Texte von Wolfgang Sinwel.

21 x 29 cm, Broschüre, 32 Seiten, geheftet. Auflage vergriffen.
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Broschüre

TIEFENLICHT • 1992

TIEFENLICHT (Broschüre)Arbeiten, die sich mit der Imagination eines Tieftauchganges beschäftigen.

Herausgabe anlässlich einer Ausstellung der Zürich-Kosmos-Galerie in Wien.

21 x 29 cm, Broschüre, 36 Seiten, geheftet. Wenige Restexemplare, signierte Exemplare auf Anfrage.
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Katalog

HIMMELHOCH ERDENTIEF • 1989

HIMMELHOCH ERDENTIEF (Katalogbuch)Ein vom Künstler gestalteter und herausgegebener Katalog zum Thema Flugbild, 1982 - 1988.

Texte von Traude Hansen (Wien), Christian Brandstätter (Wien), Susanne Lambrecht (Düsseldorf), Maxime Zerkout (Strasbourg) u. a.

21 x 29 cm, Broschüre, 64 Seiten, Klebebindung. Auflage vergriffen.
Serge Hartmann • 2016 • Strasbourg/F

Un peintre entre au ciel

Galerie Brûlée, Strasbourg

Depuis des années, il se confronte au bon vieux thème du paysage à hauteur de nuages : mais le peintre autrichien Wolfgang Sinwel, connu pour ses vertigineuses vues du ciel, crée aussi la surprise avec ses sculptures. Réalisées au sèche-cheveux!

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Il ne se lasse pas de les peindre. Et il faut bien avouer qu’on ne se lasse pas non plus de les regarder. Vues du ciel, des étendues de terre se perdent à l’infini, alors que s’effilochent quelques nuages cotonneux et que la ligne d’horizon disparaît dans une céleste lumière.

Avec Wolfgang Sinwel, on regarde les tableaux comme on jetterait un œil à travers un hublot. Découvrir un accrochage de ses peintures, c’est un peu prendre l’avion. On survole le monde, on tente de déchiffrer un paysage qui s’impose comme une métaphore de la démesure.

La maîtrise technique de l’artiste est telle qu’il pourrait légitimement figurer dans une anthologie de l’hyperréalisme. « J’aime bien cette ambiguïté qui fait qu’en entrant dans l’exposition, certains croient voir des photographies », dit-il, amusé également par ceux qui lui affirment reconnaître précisément les paysages qui se déploient sur les toiles – souvent de grands formats. « Tous ces paysages sortent de mon imagination. Quand je me lance dans une peinture, je ne sais jamais vraiment ce que cela donnera au final », précise-t-il encore.

Parce qu’à l’origine de ce travail, il y a une interrogation sur notre rapport au monde qui dépasse la simple question de la représentation d’un paysage donné. Ce qui motive Sinwel, c’est cette part de magie qu’incarne la vue aérienne qu’il restitue à chaque fois à la façon d’un paradigme du paysage. Et s’il associe parfois à ces tableaux la notion de nature morte, « d’une contemplation qui évoque aussi le temps », c’est bien d’abord leur extraordinaire poésie qui opère sur le visiteur.

Avec cette septième exposition que lui consacre la galerie Brûlée, l’artiste autrichien crée aussi la surprise présentant un travail de sculpture totalement inattendu.

À partir de bouteilles en plastique qu’il teinte et fait fondre au sèche-cheveux, Sinwel produits des objets aux formes indéterminées – entre le végétal et l’organique. On pense à une sorte d’Art Nouveau postindustriel et parfois vaguement kitsch. De vieux disques en vinyle et des pièces en plastique fusionnent également après avoir été passés au four, se transformant en céramiques aux structures molles, dans une texture qui rappelle le verre.

Sur la base d’un recyclage artistique – « Un Art Nouveau du pauvre », dit-il amusé –, et aux antipodes d’une peinture qui fait l’éloge émerveillé de l’apesanteur, Sinwel joue ici avec la matière, la détourne, trahit les apparences (verre ? Cristal ?) et expérimente un vocabulaire formel en toute liberté. Avec humour et légèreté.

Serge Hartmann (leitender Redakteur der Kulturberichterstattung bei DNA Dernières Nouvelles D'Alsace) • Ausstellungsbericht April/Mai, Galerie Brûlée dna.fr

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Ulrich Horstmann • 2015 • Marburg an der Lahn/D

Wolfgang Sinwels Menschenscheu
Eine Suchbewegung

Ulrich Horstmann Text "Menschenscheu"

Wer das künstlerische Schaffen von Wolfgang Sinwel über vierzig Jahre hinweg verfolgt hat, dem dürfte nicht entgangen sein, daß sich der Mensch, genauer gesagt die menschliche Gestalt, in ihm extrem rar macht.

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Wer das künstlerische Schaffen von Wolfgang Sinwel über vierzig Jahre hinweg verfolgt hat, dem dürfte nicht entgangen sein, daß sich der Mensch, genauer gesagt die menschliche Gestalt, in ihm extrem rar macht. Die öffentliche Bühne betritt dieser Maler 1978 entsprechend programmatisch mit Abbildungen von alten Grabsteinen und Ruhestätten, also in Stein gehauenen Nachrufen auf einzelne Individuen, aber auch auf die Individualität selbst. Denn neben redensartlichen Botschaften wie denen vom „grausamen Geschick“ und einem durch die verwitterten Buchstaben der Lüge überführten „unvergeßlich“ finden sich malerisch reproduzierte Platten, die nur noch ein namenloses „gestorben den 31. März 1865“ oder „in Gott ruhende“ Strichlisten zur Schau stellen. Diese Anonymisierung wird dann in den Flug- und Unterwasserbildern, die rasch zum Markenzeichen Sinwels avancieren sollten, zur Fehlanzeige radikalisiert. Will sagen, auf den vom Betrachter zu explorierenden Erd- und Planetenoberflächen gibt es zwar oft noch unübersehbare Spuren der Tätigkeit des Menschen (oder anderer intelligenter Wesen), am Grund von Seen und Flüssen liegen 'abgewrackte' Artefakte, aber der Urheber selbst tritt nicht mehr in Erscheinung. Er ist von der Bildfläche verschwunden – lange schon, wenn nur noch topographische Verfärbungen und Verwerfungen von ihm zeugen, oder eben erst wie im „Camp“ (1999), wo das Lager mitten im Katastrophengebiet noch sauber ausgerichtet existiert, aber Flüchtlinge wie Hilfskräfte abhanden gekommen sind.

Wir befinden uns offenbar in Gegen- oder Nachwelten, deren in Kommentaren immer wieder herausgestellte entrückende oder betörende Qualität entweder mit primärer Unberührtheit oder aber mit der sekundären Tröstlichkeit des Vorüber zu tun hat, die sie ausstrahlen. Der Mensch war mit anderen Worten entweder noch nicht da oder der Unruhestifter ist – endlich – wieder weg und alles vernarbt hinter ihm, kehrt aus dem Auf-den-Kopf-Gestelltwerden in die große Gelassenheit, die vor- und unmenschliche Ordnung des Elementaren zurück. Mit dem sind die Bilder und ist Wolfgang Sinwel im Bunde, denn der Betrachterstandpunkt ist immer eine menschenfeindliche Zone, d.h. die Stratosphäre bzw. der Weltraum oder das Submarine, beides Milieus, in denen es unsereinem ohne Schutzanzüge den Atem verschlägt. Mit dieser Distanzhaltung, zu deren Bezeichnung inzwischen der Zungenbrecher des Anthropofugalen in Umlauf ist, befindet sich Sinwel in der denkbar besten Gesellschaft, ist doch Randständigkeit und Außenseitertum das Signum der modernen Kunst und Menschenferne das Merkmal schon unserer frühesten malerischen Lebenszeichen. Die Rede ist von der Höhlenmalerei, in der der Cromagnon die ihn umgebende Tierwelt in ihrer ganzen Kraft und Herrlichkeit zeigt – aber sich selbst weitestgehend ausspart. Oder auch die Fauna gerade nicht fixiert, denn die abgebildeten, magisch gebannten Geschöpfe werden nur Augenblicke lang im Lampen- oder Fackelschein lebendig, bevor sie wieder in der ewigen Nacht versinken. Auch hier also ein wenn nicht lebensfeindliches, so doch lebensgefährliches Umfeld – Höhle und Hölle sind sprachlich eng verwandt –, das heute noch dem ein oder anderen ungleich besser gerüsteten Speläologen zum Verhängnis wird. Arthur Koestler hat den Menschen einmal einen „Irrläufer der Evoluti-on“ genannt und vielleicht sind wir, wenn wir in unterirdischen Labyrinthen den Weg verloren haben und uns die Bilder anspringen, unserem (Un-)Wesen am nächsten. Wolfgang Sinwel ist kein Schamane, aber dunklen Erhellungen nicht abgeneigt. Auf der Rückseite seines ersten Katalogs findet sich ein sibyllinisches Zitat ungeklärter Herkunft: „Wo sich in Sinwels Bildern Menschliches zeigt, führt es in die Irre.“ Dem tappen wir im Folgenden in blindem Vertrauen hinterher.

Wir brauchen einen Wegweiser, weil die Menschen seit einiger Zeit auf Sinwels Bildern zurückkehren, nicht in Scharen, aber doch unübersehbar. Ist das ein Bruch mit der bisherigen Weltsicht oder im Gegenteil ein Ausbau und eine Vertiefung? Geht der Maler mit sich selbst ins Gericht oder zu Rate? Setzen wir uns in Gang. Die Wiederkunft von unseresgleichen ist nicht unspektakulär; auf einem Bild, das es gleich zweimal gibt, fallen wir aus allen Wolken. „Sky Diver“ heißen beide Versionen, und es ist bemerkenswert, daß die Fallschirmspringer in der ersten Fassung von 2011 zahlreicher – sieben zu vier – und größer sind als bei der Wiederaufnahme des Sujets drei Jahre später. Außerdem ist das Querformat (70 x 160) zu einem Quadrat (100 x 100) geworden, das aber hochformatig anmutet. Insgesamt wirkt die Komposition ausgewogener, wodurch sich die Notwendigkeit des zweiten Anlaufs erklärt. Die 'Himmels-Taucher', elektronisch generierte Schemen und 'Fremdkörper' wie im ersten Bild, dominieren jetzt das Gesichtsfeld nicht mehr, sondern das Gegengewicht der in Grüntönen gehaltenen Landschaft – vorher war sie in der Tiefe bräunlich verödet – platziert sie im Augenwinkel dessen, der die Tiefebene abtastet. Alles in allem hat man den Eindruck einer Feinjustierung. Das vorher nahezu tabuisierte Menschenmotiv schnellt erst zu stark nach vorn und wird dann zurechtgerückt und mit den anderen Kompositionselementen austariert. Dabei dürfen wir allerdings nicht vergessen, daß es sich um eine Momentaufnahme handelt. In Wirklichkeit ist die Situation der Abgebildeten eine extrem prekäre. Sie stürzen ab und befinden sich im freien Fall.

Im Englischen ist „fall“ vieldeutig; das Wort kann Sturz bedeuten, aber auch Herbst und Wasserfall sowie den Sündenfall des Menschen. In seinem Neandertalerroman The Inheritors (1955) überblendet William Golding, der auch Free Fall (1959) als Buchtitel benutzt hat, die beiden letzten Lesarten auf ingeniöse Weise; bei Wolfgang Sinwels aber geht es wohl eher um die moralischen Konnotationen der umgekehrten Himmelfahrt. Daß wir selbst dabei nicht im freien Fall assoziieren, zeigt eine Arbeit, die 2013, also genau zwischen den beiden „Sky Diver“-Fassungen entstanden ist und „Abgesetzt“ heißt. Was da über einem verwüsteten Stück Erde – man denkt an rücksichtslosen Tagebau und die brachiale Ausbeutung von Bodenschätzen – aus einer Transportmaschine purzelt und unter sich entfaltenden Fallschirmen pendelt, ist kaum mit Sicherheit auszumachen. Soldaten? Ausrüstungsgegenstände? Beides? Jedenfalls geht es hier im Gegensatz zum „Camp“ nicht um einen Rettungseinsatz, sondern die Auswei-tung der Kriegs- und Zerstörungszone. Damit kippt auch unsere Sichtweise und aus dem Bildvordergrund, der an die sich stapelnden Eisschollen auf Caspar David Friedrichs „Gescheiterter 'Hoffnung'“ von 1823/24 erinnert, wird ihr Gegenteil: verbrannte Erde.

Bleiben wir noch ein paar Zeilen lang im arktischen Milieu des Romantikers. Sinwel hat es nämlich in einer bemerkenswerten Bilderserie – „Eiszeit“ (2008), „Eiszeit 03“ (2009), „Eiszeit 02“ (2013), „Schlittengespann“ (2013), „Kühl“ (2014) – auch so direkt und intensiv aufgerufen, daß man eine Atemwolke vor dem Gesicht des Betrachters erwarten könnte. In der ersten „Eiszeit“ und dem „Schlittengespann“ tauchen wieder Menschen auf, zunächst als harmlos werkelnde Expeditionsteilnehmer, im zweiten Beispiel als Selbstversorger, die die Arglosigkeit einer nicht mit Zweibeinern vertrauten Robbe ausgenutzt haben, um sie zu schlachten. Wieder ist der Schleier gefallen. Das wässrige Rot des Tierbluts ist der einzige Farbfleck auf dem durch Weiß und Eisblau dominierten Bild, aus dem sich die beiden offensichtlich europäischen Robbenschläger mit ihrem Schlitten nach links herausbewegen, herausstehlen. Ein Sündenfallszenario, das sich übrigens in dem Wasserbild „Fishing“ (2010) vorwegnimmt und spiegelt. Hier stakt ein 'Sportsmann', der auf den ersten Blick so aussieht, als ob er kein Wässerchen trüben könnte, sein Boot an einer noch frischen Blutspur vorbei, die ebenfalls von einer 'verflossenen' Untat zeugt.

Der von Sinwel jahrelang im Draußenvor mit sich selbst alleingelassene Mensch kehrt also nicht als reuiger Sünder auf die Leinwand zurück, sondern als unbelehrbarer Wiederholungstäter. In Helm und Atemschutz posiert er in „Dicht dran“ (2011) als Hersteller toxischer Welten, wobei der Maler den Titel beim Wort und in einer weiteren Serie – „Men at Work 1-4“ (2012) – unsere arbeitsamen Mitmenschen unter die Lupe nimmt. Wieder geht es nicht mit dem Holzhammer der Denunziation, sondern subtil zur Sache, wie sehr schön an dem bisheri-gen Höhepunkt der Werktätigen-Kunst Sinwels, dem Bild „Was zum Teufel machen die da?“ von 2015 und seiner Entstehungsgeschichte zu veranschaulichen ist. Sein fortschreitendes Ausbleichen in den fotographisch dokumentierten Entwicklungsschritten fällt ins Auge, wobei die letzte Fassung nur noch schwarz-weiß wirkt. Die beiden Akteure sind von Anbeginn monochrom-farblos, Grauzonenwesen, die offenbar unaufhaltsam abfärben bei und mit dem, was sie tun. Die Silhouette des linken zeigt die Rundung im Hals- und Schulterbereich, die wir mit unseren frühmenschlichen Ahnen verbinden, der rechte macht sich an einer Stange zu schaffen, die von der Angel über das aufgerollte Segel bis zum Harpunenschaft wiederum Gerätschaften aus der Wildbeuterphase unserer Gattungsgeschichte aufruft. Wir entkommen unseren Ursprüngen nicht, scheint das sagen zu wollen, wir sind immer noch die alten. Und die wieder menschenleere Erde, für die sich inzwischen zahlreiche ernstzunehmende Wissenschaftler interessieren, ist keineswegs das grelle, apokalyptische Wahngebilde, für das sie von selbsternannten Machern und Schadensbegrenzern immer ausgegeben wird. Publikationen wie Alan Weismans The World without Us (2007) oder Jan Zalasiewiczs The Earth after Us. What Legacy will Humans Leave in the Rocks? (2008) entdecken sie vielmehr als faszinierenden Forschungs- und Möglichkeitsraum. Nicht die technologische Umgestaltung der Welt, bei der kein Stein auf dem anderen bleibt, ist unser wahres Ruhmesblatt, sondern der imaginative Aus- und Aufbruch in eine Wirklichkeit, die ohne uns und unsere Erfindungsgabe – eigentlich bestens – zurechtkommt. Paradoxerweise ist für dieses Entkommen deren Doppelgängerin, die künstlerische Einbildungskraft, unverzichtbar.

Mit uns selbst über uns selbst hinaus – ein Münchhausenmanöver? Von wegen, ein Kunstgriff, bei dem man, wie Wolfgang Sinwel mit jedem Bild von neuem beweist, die Menschenscheuklappen loswird.

Prof. Ulrich Horstmann, Anglist, Philosoph und Autor, kennt Sinwels Arbeiten seit 1980. Er hat mehrfach Texte zur Arbeit des Künstlers verfasst. • www.untier.de

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Heidi Gronegger • 2015 • Bad Dürkheim/D

Drei-Baum-Prinzip Hoffnung

Heidi Gronegger - Text 3-Baum-Prinzip Hoffnung

Die Früchte dieser Welt sind abgeerntet, es wird viel Zeit vergehen, bis welche nachgewachsen sind. Nur: Wird überhaupt etwas nachwachsen können?

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Wolfgang Sinwels Diptychon RÜCKSTAND (2013) ist das Menetekel an meiner Wand. Ein dramatischer Ausblick auf den Zustand der Erde vor dem Hintergrund von Klimawandel und skrupelloser Ausbeutung durch die Spezies Mensch. Das glatte Gegenteil zu Sinwels großformatigen „Landschaftsbildern“, die – weil „nur“ Pinselspuren auf seiner Leinwand – erst im Auge des Betrachters sich in paradiesische Landschaften verwandeln für den inneren Multiplex.

Mit dem zweiteiligen Werk RÜCKSTAND verlässt Sinwel seine von Distanz zum Objekt geprägte Umlaufbahn, um auf dem Boden topographischer Tatsachen zu landen. RÜCKSTAND ist folglich ein Fort-Schritt, der Paradigmenwechsel in Sinwels Oeuvre. Sein Nachdenken über die Welt – und was der Mensch aus und mit ihr macht – bekommt damit ein neues kompositorisches Spannungselement. Emotionsloser, technischer und deutlich konkreter, verändert es die Ästhetik des Zerfalls. Das Diptychon ist also mehr als nur eine fantastische Farbsinfonie in mattem, verschleiert wirkendem Orange, Dunkelgrau und Braun: es verschärft Wolfgang Sinwels ökologische Position.

Ist die Grenze zwischen Malerei und (Umwelt-) Politik aber einmal gefallen, wird der Maler zum Mahner – zum Provokateur. Und dessen (Bild-)Sprache ist eindeutig. Das Teufelswerk ist vollbracht, die Welt sichtlich ruiniert, der Mensch wohl ausradiert, seine (postmoderne) Architektur in Auflösung. Was ihr skrupellos aufgeladen wurde, wirft die geschundene Botanik jetzt ab. Game over. Monopoli fini, verloren ist die Schloßallee!

„In the year 2525, when man is still alive...“: Der durch Zager & Evans 1969 zum Welthit gewordene Folk-Song über die Beziehung des Menschen zu Technologie und Erde passt gut ins Bild. Und auch die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood beschreibt in ihrem Science Fiction Roman „Oryx und Crake“ (2003) allzu drastisch, was einer ökologisch ignoranten Menschheit am Ende vielleicht blüht. Ob ihr Jimmy-„Schneemensch“ – neben der transgenen Menschenrasse der „Craker“ einziger Überlebender einer Pandemie – den (Überlebens-)Kampf in der post-katastrophischen Gegenwart gewinnt, bleibt völlig offen.

Wolfgang Sinwel scheint da doch hoffnungsvoller.

Wie mit dem Mischpult-Regler zieht er die Dynamik hoch, von links nach rechts verstärken sich Farbe und Schärfe der Konturen. Hinter drei Fenster eines bunkerähnlichen Hauses setzt er Licht. Warum? Für wen? Wohnt hier vielleicht noch wer? Und dann blühen da noch drei (Mandel-)Bäume, die aussehen wie kleine Ballerinen in rosa-orangefarbenen Tutus. Platziert am äußerst rechten Bildrand, quasi eine Sekunde vor Zwölf, sind sie das zarteste und zugleich effektivste Bollwerk, das ich mir gegen eine aufziehende Götter-Dämmerung vorstellen kann. Mein Drei-Baum-Prinzip Hoffnung! Wen das nicht ermutigt, der will auch Kunstrasen mähen!

Heidi Gronegger ist 2014-2016 Vorsitzende des Kunstvereins Bad Dürkheim e. V.

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Ulrich Horstmann - Wolfgang Sinwel • Sommer 2016

Luftikus
Ein Dialog via E-Mail

U. Horstmann - W. Sinwel / Dialog "Luftikus"

"Zu meiner Verabschiedung hatte ich einen Segelfluggutschein geschenkt bekommen" schreibt Ulrich Horstmann. Daraus entwickelte sich folgender Dialog

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U.H. Zu meiner Verabschiedung hatte ich einen Segelfluggutschein geschenkt bekommen. Nach nur zweijähriger mentaler Vorbereitung bin ich am Sonntag in Wieseck/Gießen abgehoben. Es war das ein eindrückliches Erlebnis, das in der Anlage fotografisch dokumentiert ist und auch ein Gedicht zur Folge hatte. Ich bin um die Einsicht reicher ausgestiegen, daß ich weiter zu Apus apus aufschauen sollte, statt es auf Augenhöhe zu versuchen.

Luftikus
Windenstart
in die Wunscherfüllung.
Einmal, ließ ich verlauten,
auf geht’s in zwei Bocksprüngen
mit den Mauerseglern am Himmel
die Wiese weg
ein Geburtstagsgutschein
macht's möglich
weg die neben dem Startbus
unter einer Plane
versammelten Flugsportsfreunde

jeder der am Ende seiner Tage
duldungsstarr wie sie
aufs Himmelfahrtskommando hofft
sollte verkabelt vorher
das hier ausprobieren
das wüste Katapult
mein Gott die Trommelzwille Goliaths
wild rasend spult sie auf
schießt mich zum Mond

eine Parabel ist das
was mein Magen beschreibt
während das Flugzeug
runks
ausgeklinkt durchsackt
Kippen nach links
Flugfeld in Aufsicht
Kippen nach rechts
Steinbruch kraterrunde
Dartszielscheibe
Geröll auf der Rutsche bin ich
die wippt wie verrückt
bei der Aufwindsuche

außer zwanzig Metern Spannweite
kein Segler in Sicht
sie mauern
dafür gurgelt und fiept es
wie in der Kehle in der Mausefalle
zum Zeichen daß wir sinken oder steigen
(in meiner Kehle aber gurgelt es
besonders wenn es fiept)
Himmelherr laß meinen Vordermann
keine Thermik finden
in der wir uns höher und höher
schrauben mein Verdauungstrakt
ein ausgewrungenes Handtuch

das ich werfe
den unaufhaltsamen Abstieg
den Sinkflug zu ehren.
Eine allerletzte Spitzkehre.
Lande- Lande- Landebahn.
Dankbarkeit wallt auf.
Riesenhopser im Hasenherz
und über die Wiese,
die vor uns ausrollt ganz
wie eine notgebremste
horizontale Rolltreppe.
Am Ende legt da
der Zehn-Zentner-Vogel
der Erde ganz behutsam
eine Flügelspitze auf -
in Stellvertretung
meiner feuchten Hand.

W.S. Lieber Uli, du hattest also Federn. Im doppelten Sinn. Ich finde es besonders schön, dass dich dieses luftige Abenteuer danach wieder zur Feder greifen ließ – so kann auch ich deinen Höhenrausch nachempfinden. In Öl umgesetzt findest du meine luftige Interpretation im Anhang

Aufsicht üben

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Manuel Sinwel • 2016 • Wien

Visual Storytelling

Manuel Sinwel - Malen statt anstreichen

Manuel Sinwel hat im Rahmen seines LIK-Lehrganges diese short story realisiert

die Story